Interviews

Guter Kontakt zu Menschen mit Demenz

Frau mit Demenz

Interview mit Oliver Gutmann, Autor von “Rosi Huber geht zum Friseur”

Wie tritt man mit an Demenz erkrankten Menschen in Kontakt? Worauf sollte man im Umgang achten? Diese und viele andere Fragen habe ich Oliver immer wieder gestellt. Wir haben “Rosi Huber geht zum Friseur” nicht nur deshalb heraus gebracht, weil wir wollen, dass Menschen mit Demenz einen würdevollen Umgang erhalten, sondern weil es uns aus tiefstem Herzen interessiert, wie es diessen Menschen geht und wie man guten Kontakt herstellen kann.

Dabei ist die Idee entstanden, Oliver Gutmann, den Autor von “Rosi Huber geht zum Friseur” zu interviewen und unsere Leser an unseren Erfahrungen und Gedanken teilhaben zu lassen. Was passiert, wenn Menschen miteinander in Kontakt treten? Was fühle ich? Was kann ich bei meinem Gegenüber wahrnehmen? Viele kennen das Gefühl, dass es einem nach dem Zusammensein mit einem anderen Menschen besser geht als vorher.

Wodurch entsteht gute, tiefe Begegnung, die mich und mein Gegenüber bereichert? Das ist natürlich kein spezielles Thema im Umgang mit Menschen mit Demenz. Wenn wir es aber schaffen, das Leben für Menschen mit Demenz erfüllter zu machen, dann hilft das uns allen.

Vertrauen zu fassen dauert bei Demenz oft lang

Sandra Gutmann: Oliver, du arbeitest ehrenamtlich in einem Hospiz und begleitest Menschen mit Demenz. Wer ist das im Moment?

Oliver Gutmann: Zur Zeit begleite ich Frau Müller*, eine 84jährige Dame, die eine beginnende Demenz hat, depressiv ist und Angstzustände hat.

Sandra: Seit wann begleitest du sie?

Oliver: Seit vier Monaten.

Sandra: Und du wirst von einer Hospizeinrichtung zu den Menschen mit Demenz geschickt?

Oliver: Ja genau.

Sandra: Wohnt Frau Müller zu Hause?

Oliver: Nein, sie wohnt im Pflegeheim. Sie hat zwei Kinder, die selber sehr krank sind und sich nicht so sehr um sie kümmern können. Sie hat keine zum Tode führende Krankheit. Normalerweise geht man ja ins Hospiz, wenn das der Fall ist. Aber bei ihr sind die Depressionen und die Angstzustände so bedrohlich, dass die Einrichtung um Unterstützung gebeten hat.

Sandra: Wie oft gehst du zu Frau Müller?

Oliver: Das ist eine Langzeitbegleitung. Im Moment reicht einmal die Woche.

Sandra: Wie viel Zeit verbringst du mit ihr?

Oliver: Mit Frau Müller verbringe ich sehr viel Zeit. Wir haben inzwischen zwar eine Beziehung zueinander aufgebaut, aber sie braucht jedes Mal wieder sehr lang, um Vertrauen zu fassen. Daher besteht die erste Stunde oft aus Small Talk über das Wetter und Ähnliches. Nach etwa einer Stunde öffnet sich Frau Müller wieder. Je nachdem in welcher Verfassung sie sich befindet, erzählt sie dann ganz viel oder ist auch mal in sich gekehrt. Meistens bin ich drei Stunden bei ihr, was relativ lang ist.

Sandra: Wie äußert sich die Demenz bei Frau Müller?

Oliver: Der behandelnde Arzt hat die Diagnose Demenz gestellt. Im Umgang mit Frau Müller macht sie sich nicht sehr bemerkbar. Sie erzählt am Anfang unserer Treffen zwar immer das Gleiche, es passiert in ihrem Leben aber auch nicht mehr viel. Sie äußert sich zum Beispiel anerkennend über die Einrichtung und die Pflegekräfte.

Wenn wir an ihre Themen kommen, ist sie sehr klar. Frau Müller weiß immer, wann ich das letzte Mal da war, erkennt mich und hat mir inzwischen auch das Du angeboten. Wenn sie von sich erzählt, dann immer im hier und jetzt. Nicht als ob sie die Geschichte im Moment nocheinmal erleben würde.

Sandra: Die Demenz hat ja unterschiedliche Ausprägungen. Das heißt, dass Frau Müller keine Erinnerungslücken hat, weiß wer sie ist und wo sie ist?

Oliver: Was sie nicht weiß ist, wie alt sie ist und wie alt ihre Kinder sind.

Sandra: Wie stellst du dich normalerweise bei Menschen, die du begleitest, vor?

Oliver: Beim Erstbesuch stelle ich mich vor und sage, dass ich sie jetzt öfter besuchen komme, wenn Sie möchten.

Sandra: Außer dieser offiziellen Vorstellung, wie trittst du mit den Menschen in Kontakt, die du betreust?

Kleine Körperreaktionen können zeigen, ob Kontakt erwünscht ist

Oliver: Nachdem ich mich vorgestellt habe, achte ich darauf, dass es eine Initialberührung gibt. Mit Menschen, bei denen das noch geht, ist das der Händedruck. Bei Bettlägerigen Menschen kann das eine leichte Berührung an der Schulter sein. Wenn mir eine gute Biographiearbeit zur Verfügung steht und ich über den Patienten genug gelesen habe, kann ich mich daran orientieren.

Ich hatte zum Beispiel eine Patientin, bei der wusste ich durch die Biographiearbeit, dass sie Körperkontakt sehr gern hatte. Sie wollte sehr gern über die Wange gestreichelt werden. Da habe ich die Frau auch beim ersten Besuch schon leicht an der Wange berührt. Ich spüre aber auch, ob jemand angefasst werden will oder nicht. Menschen, die nicht angefasst werden wollen, strahlen das aus. Bei manchen Menschen ist eine Berührung an der Schulter schon das Maximum.

Sandra: Du versuchst also zu erspüren, was sich richtig anfühlt?

Oliver: Ja. Es kann zum Beispiel auch sein, dass jemand, der sich am Dienstag noch gerne berühren ließ, das am Donnerstag überhaupt nicht möchte. Da muss man immer hinspüren. Möchte die Person jetzt die Hand gehalten haben? Möchte sie überhaupt berührt werden?

Sandra: Ich denke, die meisten unserer Leser haben mit Menschen mit Demenz zu tun. Vielleicht kannst du trotzdem kurz erklären, wie du das machst. Wie du feststellst oder spürst, ob jemand angefasst werden will oder nicht.

Oliver: Das sind oftmals ganz kleine Körperreaktionen. Ein Blick zum Beispiel, in dem ich so etwas wie Erschrockenheit erkenne. Oder Angst. Oder “Wer bist du denn?” Manchmal ist es auch ein Körper oder Hand entziehen. Sich weg drehen. Wie weit die Augen auf oder zu sind. Wo die Person hinschaut.

Das geht natürlich auch verbal. “Grüß Gott Frau Huber, darf ich Ihnen die Hand geben?” Oder “Möchten Sie mir die Hand geben?” Im Umgang mit Menschen mit Demenz ist es sehr wichtig, keine Entscheidungsfragen zu stellen. Also nicht “Möchten Sie mir die Hand geben oder soll ich Ihnen die Hand geben?”

Sandra: Damit die Person sich nicht zwischen zwei Sachen zu entscheiden braucht?

Oliver: Ja.

Sandra: Man fragt also auch nicht “Wollen Sie mir heute die Hand geben oder nicht?”

Oliver: Genau. Ich vermeide, dass die Person in die Situation kommt, eine Entscheidung treffen zu müssen.

Sandra: Weil das Stress verursacht?

Oliver: Ich frage zum Beispiel auch nicht “Möchten Sie Kaffee oder Tee?” Damit sind viele Menschen mit Demenz überfordert. Ich frage, ob die Person Kaffee möchte. Wenn nicht, kann sie verneinen oder den Kaffee wegschieben.

Sandra: Das war wirklich sehr interessant. Können wir bei einem folgenden Interview darüber sprechen wie du dazu gekommen bist, ehrenamtlich im Hospiz zu arbeiten und welche Qualifikationen man dafür braucht?

Oliver: Sehr gerne.

Sandra: Vielen Dank, ich freue mich schon aufs nächste Mal.

Oliver: Ich mich auch.

Die Interviewserie geht weiter. Du bist Angehöriger oder Pflegekraft und betreust Menschen mit Demenz? Welche Themen interessieren dich ganz besonders? Möchtest du etwas beitragen? Dann rein damit in die Kommentare.

“Rosi Huber geht zum Friseur” ist unser beider Herzensprojekt. Es geht uns darum, dass Menschen mit Demenz einen würdevollen Umgang erhalten. Von Angehörigen genauso wie von Menschen, die beruflich mit ihnen arbeiten.

Wir haben das Büchlein auch deswegen gemacht, weil wir etwas für die Menschen, die an Demenz erkrankt sind, tun wollten, statt über Demenz zu schreiben. Dazu gibt es bereits reichlich Literatur.

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* den Namen haben wir geändert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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